Sonntag, 7. Juni 2009

Gorbatschow verlangt eine Perestroika für die USA und die ganze Welt

In der Sonntagsausgabe der Washington Post hat der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow einen Artikel als Gastkommentator veröffentlicht, in dem er den Westen angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einer eigenen "Perestroika" aufruft. Das Wirtschaftsmodell, das sich Ende des 20. Jahrhunderts entwickelte, habe sich "als unhaltbar erwiesen".

Unsere Perestroika signalisierte die Notwendigkeit für eine Veränderung in der Sowjetunion, aber es war nicht als Kapitulation gegenüber dem US-Modell gemeint. Heute ist die Notwendigkeit für eine weitreichende Perestroika – eine für Amerika und der Welt – klarer als je zuvor.

Gorbatschow beschreibt die eigene Zerreissprobe: “Zuerst quälten wir uns unter der Illusion, dass die Renovierung des existierenden Systems – Veränderungen innerhalb des sozialistischen Modells – genügen würde. Aber der Gegendruck von der Kommunistischen Partei und der regierenden Bürokratie war zu stark. Gegen Ende 1986 wurde es mir und meinen Unterstützern klar, das nicht weniger als der Ersatz der Bausteine des Systems notwendig war.

Gorbatschow erklärt, der Kapitalismus hat nicht triumphiert, sondern nur die eigene Krise verzögert, in dem er sagt: “Im Westen wurde der Zusammenbruch der Sowjetunion als Sieg betrachtet und als Beweis, der Westen muss sich nicht verändern. Die westlichen Staatsführer waren überzeugt, dass sie am Steuer des richtigen Systems und eines gut funktionierenden, fast perfekten Modells waren.

Aber dann kam die Wirtschaftskrise 2008 und 20009 und es wurde klar, dass das neue westliche Modell eine Illusion war, die nur hauptsächlich den sehr reichen nützt. Statistiken zeigen, dass die Armen und die Mittelklasse sehr wenig Vorteile vom Wirtschaftswachstum der letzten Dekade erlebt haben.


Gorbatschow sagt weiter, die globale Krise zeigt, die Führer der wichtigsten Mächte, speziell der USA, haben die Signale für eine eigene Perestroika verpasst. Das Resultat ist eine Krise, die nicht nur finanziell und wirtschaftlich sich darstellt, sondern auch politisch.

"Das Modell des 20. Jahrhunderts sei nicht haltbar," sagt Gorbatschow, "es bestand nur durch Superprofite und Überkonsum einiger weniger, auf zügelloser Ausbeutung der Ressourcen und Mangel an Verantwortung gegenüber dem Sozialen und der Umwelt."

Er sagt weiter: „Wenn die vorgeschlagenen Lösungen nur eine Neuverpackung des alten System sind, dann werden wir eine weitere, vielleicht noch Grössere Turbulenz in Zukunft erleben. Das derzeitige Modell benötigt keine Justierung, sondern muss ersetzt werden.

Gorbatschow betont, er hätte keine Patentrezepte, aber er ist überzeugt, ein neues Modell wird sich herauskristallisieren, welches die Bedürfnisse der Öffentlichkeit in den Vordergrund stellt, eine saubere Umwelt, gut funktionierende Infrastrukturen und öffentlicher Verkehr, ein solides Ausbildungs- und Gesundheitssystem und bezahlbaren Wohnraum ermöglichen wird.

Zum Schluss sagt Gorbatschow, Washington wird eine spezielle Rolle in dieser neuen Perestroika spielen, nicht nur weil die USA der Hauptarchitekt und Profiteur des bestehenden Modells ist, sondern weil dieses Modell zusammenbricht und früher oder später ersetzt wird. Das wird ein komplexer und schmerzhafter Prozess für jeden werden, einschliesslich der Vereinigten Staaten.

Wir werden die globalen Herausforderungen bewältigen, aber nur wenn jeder die Notwendigkeit für eine grundlegende Veränderung versteht – für eine globale Perestroika.

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